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Insights · August 2026 · 7 Min. · Case Decoded

Ein Video pro Woche, 20,6 Millionen Likes. Der Fall Pick’em.

Eine Berliner Marke verkauft aromatisierte Zahnstocher. Ihr TikTok-Konto hat 135 Videos und 20,6 Millionen Likes. Das sind rund 152.600 Likes pro Video, ungefähr das Achtzehnfache der nächstbesten Marke aus dem Lebensmittelregal. Der Fall lohnt sich, weil ein Teil davon reines Glück ist und der andere Teil eine Bauanleitung.
774.900Follower auf TikTok
20,6 Mio.Likes auf dem Konto
135Videos in zwei Jahren
152.600Likes je Video im Schnitt

Öffentliche Profildaten von @pickemstore, abgerufen am 11. August 2026.

Die Marke.

Pick’em verkauft aromatisierte Zahnstocher aus Birkenholz. Das Dreierpack kostet 14,99 Euro im eigenen Shop, die großen Bundles gehen bis 95,99 Euro. Die Marke sitzt in Berlin, ist bei Edeka und Netto gelistet und seit Juni über die Kette Normal in acht Ländern vertreten. Nach eigenen Angaben hat sie über 100.000 Kunden.

Gegründet haben Niklas Terrahe als Geschäftsführer, Joel Enayat, Maximilian Schröpfer und der englische Mitgründer Folkert Bowler. In der Auftaktfolge der siebzehnten Staffel von Die Höhle der Löwen am 28. April 2025 wollten alle Löwen einsteigen, der Deal lag bei 200.000 Euro für 17,5 Prozent, investiert hat am Ende Judith Williams allein. Unter den weiteren Investoren sind Christian Wolf, der Gründer von MORE NUTRITION, und ein früherer CMO von TikTok. Die Gründer sprechen von mehr als 25 Millionen verkauften Zahnstochern in zwei Jahren und einem Umsatzziel von zehn Millionen Euro für 2025.

Der erste Punkt. Das Produkt ist für den Feed gebaut.

Ein Zahnstocher wiegt praktisch nichts. Ein Dreierpack passt in einen großen Umschlag, es gibt kein Pfand, keine Kühlkette und keinen Bruch. Der Preis liegt unter dem deutschen Durchschnittsbon von 29,21 Euro, also mitten im Impulsfenster. Und weil das Produkt aufgebraucht wird, ist der Nachkauf eingebaut.

Das klingt banal, ist aber der Unterschied zwischen einem Kanal, der sich rechnet, und einem, der an den Versandkosten stirbt. Wer Getränke in Einweggebinden verschickt, fällt unter die Pfand- und Rücknahmepflicht des Verpackungsgesetzes und schleppt sechseinhalb Kilo pro Karton durch die Republik. Warum das die Kategorie bremst, steht im Artikel zu den Vitamingetränken. Pick’em hat diese Rechnung nie führen müssen.

Der zweite Punkt. Der Kanal verkauft nicht, er unterhält.

135 Videos in zwei Jahren sind ungefähr ein Video pro Woche. Trotzdem stehen 20,6 Millionen Likes auf dem Konto. Das geht nur, weil dort keine Produktvideos laufen, sondern Aktionen. Eine gefälschte Mona Lisa mit Zahnstocher in der Londoner National Gallery, inklusive Merchandise. Ein handgemaltes Schild auf der OMR, das Ryan Reynolds aufgriff und eine Promi-Erwähnung ohne Honorar auslöste. Über alle Kanäle kommt die Marke auf mehr als eine Million Follower und über 250 Millionen Views, weitgehend organisch.

Likes je Video Gesamtzahl der Likes geteilt durch die Zahl der Videos, Stand 11. August 2026. Der oberste Balken sprengt die Skala und ist abgeschnitten dargestellt. KONTO LIKES JE VIDEO Pick'em152.600 vitaminwater8.400 MORE NUTRITION4.300 yfood3.500 waterdrop3.100 air up1.800 Oshee World1.500 Likes je Video Likes geteilt durch Videos, Stand 11. August 2026. Der oberste Balken sprengt die Skala. Pick'em152.600 vitaminwater8.400 MORE NUTRITION4.300 yfood3.500 waterdrop3.100 air up1.800 Oshee World1.500
Eigene Berechnung aus den öffentlichen Profildaten. Die Werte sind Durchschnitte über die gesamte Kontolaufzeit, keine Momentaufnahme.

Das Produkt ist dabei Requisite, nicht Thema. Genau das ist der Grund für den Ausschlag in der Grafik. Ein Produktvideo bekommt die Reichweite, die das Produkt verdient. Eine Aktion bekommt die Reichweite, die die Idee verdient.

Der dritte Punkt. Die Reihenfolge.

Erst kam die Aufmerksamkeit, dann der Handel, dann der Verkauf in der App. Pick’em ist inzwischen als Verkäufer auf TikTok Shop registriert, und im eigenen Shop fragt eine Umfrage nach dem Kauf, woher die Kunden kommen. TikTok steht dort an erster Stelle der Auswahl.

Zwei Reihenfolgen Dieselben drei Bausteine, unterschiedlich sortiert. Der letzte Schritt ist der schwerste. Pick’em Aufmerksamkeit Handel Kaufbutton Die meisten Marken Produkt Handel Aufmerksamkeit? Zwei Reihenfolgen Dieselben Bausteine, anders sortiert. Pick’em Aufmerksamkeit Handel Kaufbutton Die meisten Marken Produkt Handel Aufmerksamkeit?
Eigene Darstellung.

Die meisten Marken laufen die Kette andersherum. Sie haben ein fertiges Produkt, eine Handelslistung und ein ordentliches Regal. Was fehlt, ist der Moment, in dem jemand hinschaut. Und dieser Moment ist der teuerste Baustein von allen.

Was an diesem Fall nicht kopierbar ist.152.600 Likes pro Video sind ein Ausreißer, kein Plan. Eine Mona Lisa in der National Gallery lässt sich nicht in einen Jahreskalender schreiben, und wer es versucht, produziert teure Peinlichkeiten. Wer diesen Fall als Vorlage nimmt, kopiert am besten nicht die Aktion, sondern die drei Bedingungen dahinter. Ein Produkt, das in den Feed passt. Ein Kanal, der etwas gibt, bevor er etwas will. Und ein Kaufweg, der in derselben App endet.

Und was fehlt, ist der Kanal, der verkauft.

Pick’em ist auf TikTok Shop als Verkäufer registriert, der Kaufweg in der App existiert also. In der Auswertung der 50 umsatzstärksten deutschen Shops für April 2026 taucht die Marke aber nicht auf, und Platz 50 lag dort bei 103.987 Euro Monatsumsatz. Das ist kein Vorwurf, sondern der Normalfall. TikTok zählt für Deutschland über 25.000 Verkäufer, in eine Top-50-Liste passen fünfzig.

Genau an dieser Stelle wird die Frage interessant, wie viel ein Shop ohne Sendung leisten kann. Die Zahlen dazu sind eindeutig.

Woher der Umsatz auf TikTok Shop kommt Die 50 umsatzstärksten Shops in Deutschland, 31. März bis 29. April 2026. LIVE ist die kleinste der drei Flächen und zugleich die einzige, die neue Zuschauer selbst heranholt. 70,3 % 19,4 % 10,3 % Shoppable Video LIVE Produktkarte Woher der Umsatz kommt Deutsche Top 50, April 2026. Shoppable Video70,3 % LIVE19,4 % Produktkarte10,3 %
Auswertung der Top 50 pro Markt von Kalodata, veröffentlicht über Lengow. TikTok selbst nennt für Deutschland 60 bis 70 Prozent der Verkäuferumsätze aus shoppable Content und LIVE zusammen.

TikTok selbst nennt für Deutschland 60 bis 70 Prozent. So viel des Verkäuferumsatzes kommt nach Angaben der Plattform aus shoppable Content und TikTok Live Shopping zusammen. Zum ersten Geburtstag des deutschen Marktplatzes im März 2026 meldet TikTok außerdem über 25.000 Verkäufer, nahezu verdoppelte Tagesumsätze innerhalb von sechs Monaten, einen Anstieg der Käufer von zehn auf über fünfzehn Prozent der beobachteten Onlineshopper und Platz 15 im deutschen Händlerranking.

In den Top 50 verteilt sich der Umsatz so. 70,3 Prozent laufen über shoppable Videos, 19,4 Prozent über LIVE, 10,3 Prozent über die Produktkarte. LIVE ist damit die kleinste der drei Flächen. Es ist aber die einzige, die zugleich ein Zufluss ist, denn eine Sendung erzeugt nebenbei die Clips für die Videofläche, rekrutiert Affiliates und liefert die Argumente für die Produktseite. Wie diese Bausteine zusammenhängen, steht im Mythencheck.

Und der größte Teil kommt von fremden Kanälen. 71,8 Prozent des Umsatzes der deutschen Top 50 werden von Affiliate-Creatorn ausgelöst, nicht vom Markenkonto. Ein Konto mit 135 eigenen Videos hat davon bisher nichts.

Was dafür spricht, dass ausgerechnet dieses Produkt live funktioniert, ist banal. Es kostet 14,99 Euro, ist in zehn Sekunden erklärt und in fünf Sekunden vorgeführt. Blindverkostung, Sortenduell, Flash Sale auf die limitierte Sorte. Die Schwelle für LIVE liegt bei tausend Followern, und die hat die Marke fast achthundertfach.

Was wir nicht wissen.TikTok veröffentlicht keine Umsätze je Händler, und Pick’em nennt keine Zahlen für den eigenen Shop. Belegbar sind der Verkäuferstatus des Kontos und das Fehlen in der Top-50-Auswertung für April 2026. Alles darüber hinaus wäre geraten, und geraten hilft niemandem.

Was wir daraus für unsere Arbeit ableiten.

LIVE löst das Reihenfolgeproblem. Wer die Aufmerksamkeit nicht schon hat, kann nicht darauf warten, dass ein Stunt trifft. Eine Sendung legt Aufmerksamkeit und Kauf in denselben Augenblick. Sie ist der einzige Baustein, der beides gleichzeitig herstellt, und deshalb steht sie bei uns in der Mitte.

Ein Kanal aus einer Hand hat eine Decke. Ein Video pro Woche heißt, fast alles kommt von der Marke selbst. Der nächste Wachstumsschritt ist deshalb nicht Video Nummer 136, sondern hundert Creator, die es für einen tun. In Deutschland kommen 71,8 Prozent des Umsatzes der größten Shops von Affiliates. Wie dieses Programm aufgesetzt wird, steht auf der Affiliates-Seite.

Das Sortiment entscheidet vor der ersten Sendung. Wir schneiden für den Feed, nicht fürs Regal. Leicht, pfandfrei, unter dreißig Euro, vorführbar in zwanzig Sekunden. Was diese vier Bedingungen nicht erfüllt, bleibt im Handel. Und der Shop kommt vor allem anderen, denn ohne ihn gibt es weder Pin noch Provision. Der Aufbau ist hier beschrieben.

FAQ

Was verkauft Pick'em genau?

Aromatisierte Zahnstocher aus Birkenholz, in Sorten wie Tropical Punch oder Cursed Cherry, einige davon mit Vitamin D3, B1 und B6. Im eigenen Shop kostet das Dreierpack 14,99 Euro, größere Bundles gehen bis 95,99 Euro. Dazu gibt es eine luftdichte Transportdose.

Wie viel setzt die Marke um?

Die Gründer nennen mehr als 25 Millionen verkaufte Zahnstocher in zwei Jahren und ein Umsatzziel von zehn Millionen Euro für 2025. Der Shop selbst spricht von über 100.000 Kunden. Das sind Unternehmensangaben, keine geprüften Bilanzzahlen.

Warum sind 135 Videos so wenig?

Weil führende Verkäufer auf TikTok Shop mit einem Vielfachen arbeiten und den größten Teil davon nicht selbst produzieren, sondern von Creatorn produzieren lassen. Pick'em erreicht seine Reichweite über wenige, sehr große Treffer. Das funktioniert, ist aber nicht steuerbar.

Verkauft Pick'em über TikTok Shop?

Das Konto ist als Verkäufer registriert, der Kaufweg in der App existiert also. In der Auswertung der 50 umsatzstärksten deutschen Shops für April 2026 taucht die Marke nicht auf, dort begann Platz 50 bei 103.987 Euro im Monat. Umsätze je Händler veröffentlicht TikTok nicht, mehr lässt sich von außen nicht sagen.

Lässt sich so etwas planen?

Der Stunt nicht, das System schon. Planbar sind ein Sortiment, das in den Feed passt, ein fester Sendeplatz und ein Affiliate-Programm. In Deutschland kommen 71,8 Prozent des Umsatzes der größten Shops von Affiliates, und dieser Teil ist Handwerk.

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Quellen. Follower, Likes und Videozahl aus den öffentlichen TikTok-Profildaten, abgerufen am 11. August 2026, der Verkäuferstatus aus dem Feld ttSeller derselben Daten. Sortiment, Preise und Kundenzahl nach pickem.store. Gründer, Investoren und Umsatzangaben nach Business Insider Gründerszene und dem Podcast Unicorn Bakery mit Niklas Terrahe. Sendetermin und Dealhöhe nach film.at. Mona-Lisa-Aktion, OMR-Schild, Reichweite und Handelsausbau nach absatzwirtschaft. Marktzahlen für Deutschland aus der Auswertung der Top 50 pro Markt von Kalodata, veröffentlicht über Lengow, Zeitfenster 31. März bis 29. April 2026. Plattformangaben zu Verkäuferzahl, Umsatzentwicklung und dem Anteil von shoppable Content und LIVE aus der Mitteilung ein Jahr TikTok Shop vom März 2026. Umsatz- und Stückzahlen der Marke sind Unternehmensangaben. Dieser Artikel entsteht ohne Auftrag und ohne Geschäftsbeziehung zur Marke.